Von der Spass- zur Erlebnisgesellschaft
Im Jahre 1762 schrieb der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau: „Nicht wer am ältesten wird, hat am längsten gelebt, sondern wer am stärksten erlebt hat.“
Heute schon gelebt? Heute schon etwas erlebt? Die Erlebnisgesellschaft ist längst indas Zeitalter der Eventkultur aufgebrochen: zu Milleniums-Feiern, in Freizeitparks, zu einem Tag des offenen Ministeriums in Berlin, wir besuchen Live-Aid-Konzerte, wir bestaunen den Kino-Klassiker Ben Hur als Live-Inszenierung. Die Fußball-Bundesliga ist nicht nur ein sportlicher Wettbewerb, sondern auch ein Drama in 34 Akten. Der Hunger nach Erlebnissen ist riesengroß und wird durch eine Freizeitindustrie gestillt. Markenartikelunternehmen springen nicht nur auf den Trend, sie stellen sich an seine Spitze. Das beweisen die zahlreichen brandlands der Autoindustrie – Autostadt, BMW-Welt, Mercedes-Museum etc. – sind keine Automobilausstellungen, sondern sollen die Marke erlebbar machen, Teil eines bestimmten Lifestyle sein. Die Spaßgesellschaft der 90er Jahre tastete sich noch durch mögliche Erlebniswelten, die Erlebnis-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts entwickelt sie weiter. Der Begriff Erleben bedeutet nah am Leben. Man ahnt bei dieser Deutung, was uns antreibt könnte: es gehört zu unserer Überlebensstrategie, möglichst viel über das Leben zu wissen. Oder wie Sokrates das Dilemma beschrieb: „Ich weiß, daß ich nichts weiß.“Die neurobiologischen Forschungen der jüngsten Vergangenheit haben die Bedeutung der Emotionen für unser Verhalten und Handeln unterstrichen. Das gefühls-gesteuerte Unterbewusstsein dominiert unsere Entscheidungen und das schon seit Millionen von Jahren. Der große Denker und Forscher Johann Wolfgang von Goethe brachte es auf die sinngemäße Formel: „Nur was Ihr fühlt werdet, Ihr begreifen!“ In diesem Licht müssen wir soviel wie möglich über unsere Lebensbedingungen erfahren, ja erfühlen. Vorneweg marschieren die Unternehmen unter dem Banner des Eventmarketing. „Marketing spüren“ bezeichnet der österreichische Dramaturg Christian Mikunda diese Entwicklung, die sich gerade auch im öffentlichen Raum abspielt. Die neuen Spielplätze der Erlebnisgesellschaft sind mitten in der Stadt: auf Plätzen, in Museen, in Einkaufs-zentren, in der Gastronomie, in Themen-Hotels. Walt Disney war auch ein Pionier des Eventmarketing, denn er hat begehbare Filme geschaffen. Er hat seine Kinoerfolge in eine neue Marktnische trans-feriert. Die Markenmacher von heute können eine Menge von ihm lernen.
